Selma Bannert wurde im Rahmen der Vergabe der Abiturzeugnisse mit dem diesjährigen Scheffelpreis ausgezeichnet. Hier folgt ihre gesamte Rede im Wortlaut.

„CoronABI 2020 – mit Abstand die Besten“
von Selma Bannert

Noch vor 6 Monaten hätte ich mir nie vorstellen können, dass unser Abi-Motto so lautet.
Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass die Abiturvorbereitung für 52 Schülerinnen und Schüler an unserer Schule, Unterricht, Diskussionen, Besprechungen, Referate, der ganze Schulalltag, unsere Routine, unser „schulisches Räderwerk“, zum Erliegen kommen.

Und nie hätte ich gedacht, dass wir unsere Abiturprüfungen nicht in gewohnter Tradition ablegen werden. Das Skript für unsere Abizeit war – wie in allen Jahren zuvor – nach der Weihnachtspause geschrieben, und die Planung sah vor: In der Schule die letzten Themen wiederholen, dann in die Osterferien gehen, die letzte Lernphase starten, nach den Ferien das Abi schreiben und schlussendlich am 4. Juli glücklich unsere Zeugnisse in Empfang nehmen.

50 Kilodalton (so groß ist das Covid-19 Virus) und 6 Wochen Lockdown zeigten mir eine andere Realität auf. Von einem Tag auf den anderen saßen wir zuhause und übten uns in Homeschooling und Homeoffice. Mails von unseren Lehrerinnen und Lehrern, Unterricht über die Moodle-Lernplattform, Videokonferenzen, gemeinsames Lernen und Austauschen über WhatsApp-Gruppen: Im März 2020 mussten wir umdenken. Nun hieß es „Digital und Online“ statt „Analog und Face-to-Face“.

Unsere Abiturvorbereitungsphase war geprägt von Einschränkungen und verbunden mit Auflagen. Wir waren unsicher, wie und was und in welchem Tempo wir für die Prüfungen lernen sollten. Es fühlte sich ungerecht an; vielleicht sahen wir uns auch manchmal um unsere Chancen betrogen. Und auch heute, wenn wir unsere Abschlusszeugnisse in der Hand halten, denken wir vielleicht an die Zukunftspläne, die wir für die Zeit nach dem Abi hatten und die nicht, oder noch lange nicht, verwirklicht werden können. Die lang geplante Reise, Work-and-travel, das Studium mit Vorlesungen in Hörsälen, das Berufspraktikum, der Beginn einer Lehre oder auch nur ein Ferienjob: es ist oft noch ungewiss oder unmöglich, diese Pläne zu verwirklichen. Quarantäne, Reisewarnungen, Absage von Präsenzvorlesungen, die durch Corona ausgelöste Krise am Arbeitsmarkt – all das kann unsere lang gehegten Pläne zunichtemachen.

Wir Abiturienten hatten während des Lockdowns Zeit, über unsere Situation nachzudenken und uns Fragen zu stellen. Die eine Frage ist: Was macht diese Situation mit mir? Die andere, genauso gewichtige Frage heißt: Was mache ich mit und aus der Situation?

„Was macht diese Situation mit mir?“ bedeutet zunächst, mich selbst zu reflektieren, meine Eigenheiten und die Ziele zu definieren. Zu fragen: „Wer bin ich und wo möchte ich hin?“ Die Veränderungen und Belastungen der vergangenen Wochen nötigten uns immer wieder, unsere Werte, unsere Ziele, unsere Zukunftsplanung zu hinterfragen - und diese vielleicht auch neu zu definieren und uns neu auszurichten.

Auch die Protagonisten unserer Schullektüren durchlaufen in krisenhaften Lebenssituationen Phasen der Selbstentdeckung und -findung. Hermann Hesse schildert im „Steppenwolf“ die Suche nach Orientierung und Individualität in einer Massengesellschaft; seine Hauptfigur Harry Haller ist auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Faust, der Protagonist in Goethes berühmter Tragödie, wird bereits im Anfangsmonolog als verzweifelt Suchender, als unbefriedigt und enttäuscht vom Studium der Wissenschaften beschrieben. Faust muss die Grenzen der menschlichen Existenz akzeptieren und schmerzlich erkennen, dass er sie nicht überwinden kann.

So wie die Schlüsselfiguren in unseren Lektüren nach dem Sinn ihres Lebens und ihrer Rolle in der Welt suchen, versuchten wir Abiturienten in der Corona-Isolation herauszufinden, welches unsere Ziele sind und was die Welt uns bieten kann.

Wir suchten nichts weniger als die Antwort auf die Frage: „Wer bin ich, wo möchte ich hin?

Und was ist die Alternative, wenn die ursprünglichen Pläne aktuell nicht zu verwirklichen sind?“

E.T.A. Hoffmann lässt in seinem Werk „Der goldne Topf“ seine zentrale Figur Anselmus trüben Gedanken nachhängen; Unsicherheit und Selbstmitleid sprechen aus seinen Zitaten.

Anselmus‘ ursprünglicher Plan, in einer bürgerlichen Alltagswelt Hofrat zu werden und Anerkennung zu finden, scheitert. Vor neue Tatsachen gestellt, findet er am Ende des Märchens trotz aller Widrigkeiten sein Glück, sein Ziel und seine Bestimmung:

„Ach, glücklicher Anselmus, der du die Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der du in der Liebe zu der holden Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude auf deinem Rittergut in Atlantis!“

Die Coronakrise hat meine Sicht auf Herausforderungen verändert und mir ein tieferes Verständnis unserer Lektüren ermöglicht. Dabei ist es faszinierend, wie die Literatur uns Trost schenken kann, wenn sie von Geschichten und Personen in Krisensituationen erzählt und deren Lösungswege aufzeigt.

Wir Abiturienten müssen, und werden, Alternativen finden. Dem Jammern über genommene Chancen stehen Neugierde und Offenheit für etwas Neues dagegen. Statt Selbstmitleid ist Unerschrockenheit und Selbstbewusstsein angesagt, „Jetzt erst Recht“, statt „den Kopf hängen lassen“ und die Gewissheit, dass unser Abi-Jahrgang mit Abstand der beste ist, mit jeder Krise umgehen kann und sich in jeder Situation behauptet.

Abschließend gilt mein herzlicher Dank meinem Tutor und Deutschlehrer Herr Hartmann, der mich in den letzten beiden Jahren motiviert und inspiriert und jederzeit unterstützt hat. Sein Geschenk an uns Abiturienten ist seine Begeisterung für die Literatur, Poesie und Theater, die er mit uns teilte.

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